24. Oktober - 29. März 2015 Brooklyn Museum New York

VERSCHNÜRT

Zum Schutz von Jungtieren oder Eiern stellen Elterntiere bestimmter Arten Kokons her. Oder Tier verpuppen sich und bauen ihren eigenen Schutzpanzer in welchen sie eine Metamorphose durchlaufen. An eben jene Strukturen erinnern die Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Judith Scott. Faden, Wolle, Textilfasern, Stoffe und Paketband sind die Hauptmaterialien ihrer organisch anmutenden Werkstücke. Sie verschnürte, umwickelte, verhüllte und verpuppte Gegenstände des täglichen Lebens zu grandiosen, amorphen Gebilden.

Judith Scott und ihre Zwillingsschwester Joyce Wallace wurden am 1. Mai 1943 in Ohio geboren. Judith kam taub auf die Welt, litt am Down Syndrom und konnte nicht sprechen. Während der Kindheit war die Zwillingsschwester ihr Sprachrohr und ihre Beschützerin, bis die beiden im Alter von sieben Jahren voneinander getrennt wurden. Mehr als 35 Jahre später wurde Joyce Wallace zum Vormund ihrer Schwester und brachte sie im Alter von 45 Jahren zum ersten Mal in das Creative Growth Art Center in Oakland, Kalifornien. Joyce Wallace war ihrer Schwester bei deren künstlerischer Entwicklung stets eine große Unterstützung und glaubte immer fest an sie.

Das Creative Growth Art Center in Oakland bietet Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen die Möglichkeit in einem professionellen Atelier zu arbeiten und organisiert regelmäßig Ausstellungen der Künstlerinnen und Künstler.

Innerhalb von 17 Jahren schuf Judith Scott dort mehr als 200 Skulpturen, von denen keine der anderen gleicht. Manche sind klein, ja fast intim, andere so groß, dass Judith sie nicht mehr alleine bewegen konnte. Doch allen ist gemein, dass sie kraftvoll und mysteriös sind. Es stellt sich immer die Frage: was verbirgt sich unter all den Schichten aus Stoff und Wolle? Judith Scotts Werke sind einzigartig. Sie folgen keinem Vorbild und stehen in keiner kunsthistorischen Tradition. Einzig aus sich selbst heraus hat die behinderte Künstlerin geschaffen und gearbeitet. Daher wird sie häufig der Gruppe der sogenannten „Outsider Artists“ zugeordnet. Doch bei der Betrachtung ihrer außergewöhnlichen Kunstwerke verblassen ihre Behinderungen zu einer biografischen Randnotiz.

Ihre Werke sind in diversen öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit vertreten und wurden bereits in zahlreichen Ausstellungen auf der ganzen Welt gezeigt. Nun widmet das Brooklyn Museum der 2005 verstorbenen Ausnahmekünstlerin noch bis Ende März 2015 eine Retrospektive. Zu sehen sind neben ihren dreidimensionalen Objekten auch Arbeiten auf Papier. Die größte Arbeit der Ausstellung ist ein umhüllter Einkaufwagen, der so schwer ist, dass ihn nur mehrere Personen gleichzeitig bewegen können. Da die Künstlerin nicht sprechen konnte und sich auch nicht durch Gebärden verständigte, trägt keine ihrer Arbeiten einen Titel, doch die einzigartige Wirkung der Objekte ist Sprache genug.

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