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Carte blanche mit System

Eine Hausbesetzung, das ist die illegale Besitzname eines fremden Gebäudes und seine Verwendung – ein politischer Akt mit großer symbolischer Aussage. Die Geschichte der Hausbesetzungen ist lang: eine Geschichte des Protests gegen kaum bezahlbaren Wohnraum, gegen Spekulation mit Leerstand, gegen Veränderungen in Stadtteilen, die man heute unter dem Begriff der „Gentrifizierung“ zusammenfasst.

Das Frankfurter Westend, die Kölner Stollwerck-Fabrik, die Hafenstraße und die Rote Flora in Hamburg oder auch die Hausbesetzungen in Berlin-Kreuzberg im Jahr 1981 sind bekannte Beispiele jenes Kampfs um die Häuser, der heute Legende und Mythos der linken Protestbewegungen ist. Eine Ausstellung im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden untersucht jetzt das Phänomen. Der Ort mag verwundern: eine Gründerzeitvilla an der Wilhelmstraße als Platz für eine Schau, die sich „Hausbesetzung“ nennt?

Bis zum 14. Dezember sind hier anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Wiesbadens mit Friedrichshain-Kreuzberg Arbeiten von Berliner Künstlerinnen und Künstlern versammelt. Der NKV als Satellit des 600 Kilometer entfernten, inzwischen etwas aufgehübschten Kreuzberg – trägt eine solche Idee?

Das große Thema der in Kooperation mit dem Künstlerhaus Bethanien entwickelten Schau ist die Gentrifizierung der Städte. In Wiesbaden hat man noch weniger damit zu tun, doch auch hier ändern sich die Viertel. Nur deutlich langsamer als in Berlin, wo gerade Kreuzberg in den letzten Jahren einen enormen Wandel erfahren hat. Kunstwerke aus Malerei, Skulptur, Fotografie und Video nehmen das Thema auf – zusätzlich wird sich die Ausstellung während ihrer Laufzeit mehrmals transformieren.

Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler haben selbst weitere Kollegen eingeladen, die sich auch in den Räumen breitmachen werden. Diese Carte blanche hat System, so formuliert es Elke Gruhn, die Leiterin des Kunstvereins: „Kontinuität innerhalb der Laufzeit gibt es nicht – ähnlich einem Stadtbild, dessen Einwohnerstruktur sich stetig wandelt.“

Die Schau versammelt einige ungewöhnliche Arbeiten. Sehr direkt reflektiert die in Berlin lebende kanadische Künstlerin Larissa Fassler das Thema: Ihre beiden großen kartographischen Arbeiten sind persönliche Vermessungen der Stadt Berlin, die scheinbar Unbedeutendes in den Fokus rücken: etwa die Zahl der Personen, die eine Brücke überqueren – oder die aktuelle Wetterlage.

Die Aufwertung und damit Verteuerung eines Stadtteils besorgen oft die Künstler selbst, sagt Co-Kurator Dominik Fink vom Nassauischen Kunstverein – und verweist auf die Wiesbadener Geschichte der Aufwertung zum Weltkurort durch Kaiser Wilhelm II. Ein schöner Kommentar dazu ist die Arbeit von Timo Klöppel: In einem schlichten Kasten hängt ein Porträt des Künstlers selbst, veredelt durch halbtransparenten Goldlack. Ein Schmuckkästchen, ein Tabernakel – der Künstler als Ikone. Ein wichtiger Akteur im urbanen Umformungsprozess.

Aus Steinen, die sie in Berliner Straßen gefunden hat, fertigt Alicja Kwade „Bordsteinjuwelen“: geschliffene Kieselsteine, welche die Anmutung teurer Edelsteine haben. Ein treffendes, elegantes Symbol für die Umwertung von Stadtvierteln. Ein Totempfahl aus in Berlin gefundenem Pressspahn-Abfall von Daniel Segerberg nimmt eine ähnliche Idee auf: die Umdeutung gefundenen, „armen“ Materials. So auch das Projekt „Scratching – Kratzen“ von Martin Zawadzkis: Mit zerkratzten Scheiben aus der Berliner S-Bahn hat der Künstler 15 Tiefdrucke auf Büttenpapier gedruckt.

Eine historische Position – drei Videoarbeiten des 1978 verstorbenen New Yorker Konzeptkunst-Pioniers Gordon Matta-Clark – sorgt für eine Verankerung in der Kunstgeschichte. Ein weiterer Raum im Obergeschoss wurde von Christoph Tannert, dem Künstlerischen Leiter des Künstlerhauses Bethanien, zusammengestellt. Künstler wie Adam Saks und Fabrizia Vanetta zeigen hier etwas bieder-betuliche Arbeiten auf Papier – sie sind die marktgängigsten der NKV-„Besetzer“. 

Zusätzlich zur Ausstellung im NKV wird am 13. und 14. Dezember in der Räucherkammer des Schlachthof Wiesbaden ein „24h – Projekt Hausbesetzung“ mit Konzerten und Vorträgen stattfinden. Hier wird etwa auch die Künstlerband der „B-Men“ zu erleben sein. Am 14. Dezember beschließt ein Filmprogramm im Filmtheater der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Wiesbaden die Ausstellung.

 

13. September bis 14. Dezember 2014
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
Wilhelmstraße 15, 65185 Wiesbaden
Di, 14–20 Uhr, Mi–Fr, 14–18 Uhr, Sa+So, 11–18 Uhr

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